Chronik des Wiederansiedlungsprojektes (1982-2008) - Langfassung

Das Projekt zur Wiederansiedlung von Lachs und Meerforelle im oberen Wümmegebiet kann auf eine inzwischen 26-jährige Geschichte zurückblicken. Als einer der ersten Vereine in Deutschland wurde hier 1982 der zum damaligen Zeitpunkt utopisch erscheinende Versuch gestartet, die bei uns Anfang des 20. Jahrhunderts ausgestorbenen Wandersalmoniden wieder anzusiedeln.

Seitdem sind von den Angelvereinen Lauenbrück, Fintel und Westervesede viele tausend Stunden ehrenamtliche Arbeit geleistet worden, um Initialbesatzmaßnahmen durchzuführen, Elektrobefischungen durchzuführen, eine Brutanlage zu bauen und zu unterhalten, über 1,8 Millionen Meerforellen- und Lachseier zu erbrüten, zahlreiche Kiesbetten anzulegen und an vielen Stellen für die Wiederherstellung naturnaher Fließgewässerlebenräume zu werben.

Heute, nach über einem Vierteljahrhundert, ist zumindest bei der Meerforelle der Versuch geglückt, wieder eine beachtliche Population aufzubauen. Inzwischen kehren schätzungsweise 400-500 dieser eindrucksvollen Großsalmoniden in jedem Herbst  in unsere Gewässer zurück, um hier abzulaichen.

Auch wenn die Meerforelle und v. a. der Lachs noch immer auf unsere populationserhaltenden Maßnahmen angewiesen ist, sind wir optimistisch, dass wir in naher Zukunft wieder selbst erhaltende Bestände in naturnahen und "steinreichen" Fließgewässern entwickeln können.

Der Weg von den ersten Anfängen im Winter 1981-82 bis heute war teilweise von erheblichen Problemen, Widerständen und auch Rückschlägen geprägt. Die vielfach entgegengebrachte Unterstützung und die feste Überzeugung, dass der von uns eingeschlagene Weg richtig und zukunftsweisend ist, hat uns aber immer wieder ermutigt, weiter zu arbeiten und nicht aufzugeben.

Wie dieser Weg aussah, können Sie im Folgenden sehen - Viel Spass beim Lesen !                               -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

1979 - Der geplante Ausbau der Wümme als Initialzündung des Projektes

Im September 1979 begann das Wasserwirtschaftsamt Verden mit dem Ausbau der Wümme bei Lauenbrück, die bisher von Begradigungs- und Vertiefungsvorhaben noch weitgehend verschont worden war. Entrüstet und entsetzt organisierte Wolfgang Prien, 1. Vorsitzender des Angelverein Lauenbrück, eine Protestaktion, die wohl als die erste Umweltdemonstration in der Geschichte des Landkreises Rotenburg (W.) angesehen werden kann.

  Anlass und Initialzündung des Wiederansiedlungsprojektes:  Der geplante Ausbau der Wümme 1979 (Rotenburger Kreiszeitung vom 20.9.1979)

Der Protest hatte Erfolg: Die Ausbauarbeiten wurden gestoppt und damit der Grundstein für eine im Laufe der Jahre zunehmend bessere Zusammenarbeit mit dem Wasserwirtschaftsamt gelegt, in deren Folge gewässer- und fischökologische Belange immer stärkeres Gewicht erlangten. Heute ist das NLWKN in Verden als Nachfolgeorganisation des Wasserwirtschaftsamtes einer unserer besten Partner und Unterstützer auf dem Weg zu lachs- und meerfreundlicheren Gewässern.

1981-82: Start des Wiederansiedlungsprojektes

  Überschrift aus Rotenburger Kreiszeitung 1981

Als Reaktion auf Ausbaumaßnahmen an der Lauenbrücker Wümme im Jahre 1979 initiiert Wolfgang Prien 1981 ein zum damaligen Zeitpunkt fast unmöglich erscheinendes Projekt: Die Wiederansiedlung der Wandersalmoniden Meerforelle und Lachs in den Lauenbrücker Fließgewässern. Historische Quellen belegen nämlich, dass diese Fische einst im Wümmegebiet beheimatet waren. Zu Beginn des Projektes zählen wir landesweit mit zu den Pionieren auf diesem Gebiet, so dass wir auf Erkenntnisse anderer nur wenig zurückgreifen können, dafür aber als Vorreiter unsere Erfahrungen an Interessierte weitergeben können.

Es werden zunächst 20.000 Meerforellen-Brütlinge gekauft und großflächig in Wümme und Fintau ausgesetzt. Parallel dazu werden sukzessive erste strukturverbessernde Maßnahmen in den Gewässern durchgeführt. In Fintau, Wümme und Rehrbach werden ab 1982 einige Sohlgleiten und Kiesbänke angelegt und größere Findlinge in die Gewässer eingebracht. In den Folgejahren wird die Besatzmenge an Brütlingen stetig auf 40.000 erhöht. Außerdem wird ein „Brutgraben“ von mehreren hundert Metern als Kinderstube für die Jungfische an der Fintau gebaut.

1984 - Rückkehr der ersten Meerforellen / Anlage erster Laichplätze

Schon im Herbst 1984 werden dann die ersten Meerforellenrückkehrer gefangen. Es funktioniert also! Da jetzt eigene Elternfische zur Verfügung stehen, soll natürlich auch möglichst dessen Nachwuchs als Besatz verwendet werden. Da die natürliche Vermehrung jedoch erhebliche Verlustraten aufweist und zudem die erforderlichen Kiesbänke nicht ausreichend vorhanden sind, wird der Bau einer Brutanlage beschlossen. Am alten Mühlenarm in Lauenbrück wird schnell ein geeigneter Standort gefunden. 1986 wird dann das Bruthaus für ca. 25.000 DM (12.782 EUR) mit einer Kapazität von bis zu 150.000 Eiern errichtet, wobei 85% der Kosten durch Zuschüsse des Landes Niedersachsen/Dez. Binnenfischerei, des Landkreises Rotenburg, der Gemeinde Lauenbrück und des Landessportfischerverbandes getragen werden.

   1984: Die ersten laichreifen Meerforellen kehren nur 2 Jahre nach dem ersten Initialbesatz in die Fintau zurück (Fotos: R. Stamm, C. W. Schmidt-Luchs)

Außerdem erwerben mit Jörn Bartels, Jens Engelken, Uwe Fischer, Ralf Gerken, Hans-Werner Herbicht, Gunnar Prien, Rainer Stamm und Patrick Thiel im Laufe der Jahre einige Vereinsmitglieder die Befähigung zur Elektrofischerei, so dass der ASV „Forelle“ beim Einsatz seiner neu erworbenen Elektrofischfanggeräte nicht länger auf Hilfe von außen angewiesen ist. 1987 werden erstmals 35.000 Meerforelleneier von eigenen Rückkehrern aufgelegt; im Folgejahr sind es bereits 60.000. Die technischen Bedingungen der Anfangszeit genügen zwar den Anforderungen, bergen jedoch noch erhebliche Verbesserungsmöglichkeiten (Dies dürften besonders all die Mitglieder bestätigen können, die bei eisigen Temperaturen den damals noch im Außenbereich befindlichen Filter zunächst vom Eis befreien müssen, um ihn anschließend reinigen zu können. Zu Beginn sind die Intervalle hierfür zudem relativ kurz.).

    Anlage der ersten Kieslaichplätze im Rehrbach und in der Wümme (Fotos: C. W. Schmidt-Luchs)

Da der Kauf von Meerforellenbrut nun entbehrlich ist, werden dafür in den beiden Jahren jeweils 5.000 Lachsbrütlinge gekauft. Aufgrund der im Vergleich zur Meerforelle erheblich höheren Kosten verzichtet der Verein danach auf weiteren Lachsbesatz. Es gibt jedoch noch einen weiteren Grund...

Ab 1988: Vorübergehender Einbruch der Rückkehrerzahlen

In den Jahren 1988 bis 1990 bricht die Zahl der Meerforellen-Rückkehrer plötzlich dramatisch ein. Als Ursache wird eine Zunahme der Wesernetzfischerei (insbesondere durch Nebenerwerbsfischer) vermutet. Wolfgang Prien will eigentlich das Projekt aufgeben, da es keinen Sinn mache, wenn der ASV die gesamte Arbeit habe und andere die Ernte einfahren. Zudem scheitert der ASV 1991 mit seinen Bemühungen, den Benkeloher Graben großflächig mit Kiesbänken auszustatten, da einige Anlieger den Verkauf ihrer Gewässerrandstreifen ablehnen. Dieses aber hatte jedoch der dem Vorhaben positiv gegenüberstehende Unterhaltungsverband zur Bedingung erklärt.

1991 werden erstmals wieder Besatzfische aus anderen Gebieten zugekauft, um die noch völlig instabile Population aufrechtzuerhalten. Die Gründe für den Rückgang blieben zum Teil unklar. Als eine wesentliche Ursache waren aber sicher die Fischsterben der Vorjahre anzusehen. Als einen weiteren Grund für die trotz hoher Besatzzahlen geringe Anzahl laichreifer Meerforellen wurde die Netzfischerei im Weserbereich vermutet, die seit dem erfolgreichen Start zahlreicher Meerforellenprojekte im Wesereinzugsgebiet enorm zugenommen habe. Darauf wiesen auch Netzverletzungen hin, die bei einigen Rückkehrern festgestellt wurden. Wolfgang Prien wandte sich daher wiederholt an das Dezernat Binnenfischerei und stellte fest: „Wenn uns nicht von kompetenter Stelle geholfen werden kann, kommen uns starke Zweifel, ob sich weitere Aufwendungen und Bemühungen in Richtung Artenschutz lohnen.“

1998 bis 1994 - Katastrophale Fischsterben in Fintau und Ruschwede

Mehrere starke Gewässerverunreinigungen gefährden Anfang der 90er-Jahre den Fischbestand der Fintau und Ruchwede und lösen zum Teil schwerste Fischsterben aus. Nachdem es in den Vorjahren imfolge von Teichreinigungsarbeiten und Schlammeinleitungen schon wiederholt zu kleineren Fischsterben kam, ereignete sich am 7. Mai 1994 ein Ammoniakunfall und verursacht das schwerste aller bisherigen Fischsterben in Ruschwede und Fintau.  

    Durch mehrere Fischsterben (Ammoniakunfall 1994  und Wehrbuch Eggersmühlen 1994) verendeten in der  Fintau und Ruschwede auch unzählige Meer-/Bachforellen.

An diesem Tag  platzt ein Rohr in der Heizungsanlage der Finteler Badeanstalt, durch das abrupt ca. 100 Liter hochgiftiges Ammoniak in die Ruschwede gelangen. Als todbringende Wolke treibt das Ammoniak schwallartig stromabwärts und vernichtet alle Fische und Kleintiere, die ihm in den Weg kommen. So wird zunächst die Ruschwede bis zur Mündung in die Fintau sämtlicher tierischen Bewohner beraubt. Das gleiche Schicksal ereilt danach die Fintau bis zur Mündung in die Wümme. Auf der Strecke bleibt auch nahezu der gesamte Meerforellenbestand in diesen Bächen. Erst ab dem Zusammenfluss mit der Wümme  tritt ein ausreichender Verdünnungseffekt ein, der dem Massensterben ein Ende bereitet.

Wenige Tage später ergoss sich infolge eines angeblichen Wehrbruchs in der Fintau bei Eggersmühlen Faulschlamm aus dem Mühlenteich in die obere Fintau und vernichteten auch hier den gesamten Fischbestand.

In den Jahren 1988 und 1991 mussten wir  schon zwei Fischsterben  hinnehmen, als ein Teichbesitzer bei Fintel seinen Teich ausgepumpt und dabei jeweils große Mengen Faulschlamm aus den Fischteich in die Ruschwede geleitet hatte. Dieses führte zu starker Sauerstoffzehrung im Bach und vernichtete neben der dort lebenden Fischbrut auch große Teile der im Bruthaus befindlichen und ständig von Fintauwasser durchflossenen Meerforelleneier. Auch wenn die Verursacher z. T. Geldbußen und Ausgleichszahlungen leisten mussten, bedeuteten die Fischsterben einen herben Rückschlag für das Wiedereinbürgerungsprojekt. Der Fischbestand in der Ruschwede und der Fintau war durch diese Fischsterben auf einer Strecke von mehreren Kilometern fast völlig ausgelöscht und musste durch langjährigen Besatz mühsam wieder aufgebaut werden. Dass offensichtlich auch sehr viele junge Meerforellen von den Fischsterben betroffen waren, zeigte sich in den Folgejahren, als die Zahl der bei Kontrollbefischungen gefangenen Laichfische deutlich zurückging.

Ab1995 - Projektfortsetzung mit zusätzlichen Akteuren

Obwohl die Entwicklung der Meerforellenpopulation durch die Fischsterben und die Netzfischerei zu stagnieren und zeitweise sogar rückläufig zu sein schien, setzte sich die Begeisterung einiger Vereinsmitglieder für die Wandersalmonidendurch, so dass das Projekt fortgesetzt wird.  In Gesprächen mit der unteren Wasserbehörde, den Unterhaltungsverbänden und der Bezirksregierung wurde der Versuch unternommen, im Rahmen der Besatzgemeinschaft Wümme ein offizielles „Laich- und Schutzplatzprogramm für anerkannte Gewässer II. Ordnung“ auf die Beine zu stellen. Vorerst wurden aber nur „Modelle“ erlaubt, doch 1989 kam die Zustimmung, im Stellbach bei Stemmen sowie in der Ruschwede und Fintau bei Vahlde und Fintel weitere Meerforellenlaichplätze anzulegen. 

   Meerforellen-Laichfischfang in der Fintau bei Lauenbrück

Ein Wechsel in der Projektleitung kam 1995 als Jens Engelken an die Stelle von Wolfang Prien trat, der nach hervorragender Pionierarbeit in den "Ruhestand" trat. Ab 1997 beteiligt sich auch der ASV Fintel und seit 2001 auch der Angelverein Westervesede am Meerforellenprojekt, wodurch wir nun unsere Aktivitäten räumlich auf die obere Fintau, die Ruschwede, die Veerse und den Lünzener Bruchbach erheblich ausweiten konnten.

Ab 1996 - Erholung der Meerforellenpopulation

Gegen Ende der 1990er Jahre schien sich die Meerforellen-Population nach den massiven Fischsterben der vergangenen Jahre merklich zu stabilisieren. Die Zahl der Meerforellen-Rückkehrer nahm ab dem Jahre 2000 beständig zu und erreichte 2007/2008 den bisherigen Höchststand,
was sich in enorm steigenden Brütlingszahlen äußerte, die in der Saison 2002/2003 auf 170.000 Stück hochschnellten und 2007 mit 260.000 Stück ein Rekordergebnis erreichten.

Die Brutanlage in Lauenbrück wird in Folge dieser Entwicklung im Jahr 2000  technisch erneuert und hat derzeit eine Kapazität von 300.000 Eiern.

   Ausbau der Meerforellenbrutanlage (2000), die heute eine Kapazität von 300.000 Eiern pro Saison  hat.

Seit Mitte der 1990er-Jahre - Verbesserung der ökologischen Durchgängigkeit

Ein Grund für die steigenden Rückkehrerzahlen war vermutlich die deutlich verbesserte ökologische Durchgängigkeit der Wümme. Besonders hervorzuheben sind die Bemühungen des Landkreises Verden, der im Rahmen des Naturschutzgroßprojektes „Fischerhuder Wümmeniederung“ seit Mitte der 1990er Jahre damit begonnen hatte, alle Wümme-Stauwehre im Bereich Fischerhude-Ottersberg zu Sohlgleiten umzubauen oder mit Umgehungsgerinnen zu versehen. Mit Abschluss der Umbau-maßnahmen ab 2006 ist der Unterlauf der Wümme mit Ausnahme des Wümme-Südarmes somit für alle Fische wieder frei passierbar.

   Verbesserung der ökologischen Durchgängigkeit: In der Wümme bei Ottersberg-Fischerhude wurden in den letzten Jahren zahlreiche Wehre zu Sohlgleiten umgebaut.

Auf Betreiben und Anregung des Angelverein Lauenbrück wurde im Rahmen der Dorferneuerung 1999 auch das Fintauwehr in Lauenbrück durch eine flache Sohlgleite ersetzt. Damit wurden die Aufstiegschancen für die Wandersalmoniden verbessert und auch allen anderen Fischarten wieder der Laichaufstieg von der Wümme in die Fintau und Ruschwede ermöglicht. Seit Stilllegung der Scheeßeler Wassermühle im Jahr 1994 wurden jetzt auch die dortige Fischtreppe und das Ausleitungswehr wieder ausreichend mit Wasser versorgt, so dass zumindest Lachse und Meerforellen vermehrt den Laichaufstieg ins obere Wümmegebiet meisterten.

Dezember 2000: Der erste Lachs kehrt in die Fintau zurück !

Nach enttäuschenden Ergebnissen der Vorjahre wird im ganzen Einzugsgebiet der Wümme 1999 in Zusammenarbeit mit dem Danmark Center for Vildlaks der Lachsbesatz wieder aufgenommen. Mehrere Zehntausend Jungfische (sog. smolts) werden in den Folgejahren als wiederholter Initialbesatz ausgesetzt.

     1999 werden wieder Junglachse besetzt - schon 2000 kehrten die ersten erwachsenen Laichfische wieder zurück ! (Fotos: Frank Kalff / Lothar Witt)

Anfang Dezember 2000 die Sensation: Gewässerwart Jens Engelken fängt beim Elektrofischen in der Lauenbrücker Fintau den ersten ausgewachsenen Lachs. Das Ereignis geht als „schnellster Lachs Deutschlands“ durch die Fachpresse. 2002 können erstmals Lachseier eigener Rückkehrer in der Brutanlage aufgelegt werden. Da jedoch die Rückkehrerzahl insgesamt enttäuscht, wird 2005 der Lachsbesatz mit zugekauften Fischen vorerst wieder eingestellt.

Ab 1998 - Reaktivierung der Wasserkraftanlagen Scheeßel und Eggersmühlen

Im Jahr 2003 wurde die seit 1994 stillgelegte Wasserkraftanlage an der Scheeßeler Mühle wieder reaktiviert. In Verbindung mit dem extrem trockenen Sommer und Herbst dieses Jahres fiel der Meerforellenaufsteig der Saison katastrophal aus. Die aufsteigenden Laichfische wurden von der Lockströmung überwiegend zum Turbinenauslauf geleitet und konnten dieses Hindernis nicht passieren. Die Zahl der oberhalb Scheeßels gefangenen adulten Fische sank 2003/04  auf 10 ab, nachdem im Jahr zuvor noch über 100 Meerforellen gefangen werden konnten. Mit nur ca. 15.000 Meerforellen-Brütlingen wurde der tiefste Wert seit über 10 Jahren erreicht.

   Die reaktivierten Wasserkraftanlagen an der Scheeßeler Wümme und der Fintau bei Eggersmühlen verursachen große gewässer- und fischökologische Probleme.

Dank ausreichend starker Hochwasserschübe stiegen die Aufsteigerzahken in den Folgejahren aber wieder stark an. Für alle anderen Fische wird der Laichaufstieg aufgrund der veränderten Abflusses und der fehlerhaften Fischtreppe in Scheeßel aber nach wie vor weitgehend verhindert.

Obwohl inzwischen mehrere von uns initiierte Studien vorliegen, steht eine abschließende und verbindliche Regelung für eine ökologisch verträgliche Gestaltung des Turbinenbetriebes und dem Bau einer funktionsfähigen Fischtreppe aber nach wie vor aus. Der Standort Scheeßeler Mühle stellt daher einen der großen „Knackpunkte“ in der zukünftigen Entwicklung der Wandersalmoniden-populationen des Wümmegebietes dar.

Um 1998 wird auch die Wasserkraftanlage Eggersmühlen in der Fintau reaktiviert. Der Schwallbetrieb und die zum Teil extremen Abflussereignisse führen zur enormen Versandung des Baches und der natürlichen Kiesbetten auf mehreren Kilometern Länge. Die entstandenen gewässerökologischen Schäden in der Fintau stehen in einem extremen Missverhältnis zu den CO²-Einsparungen dieser Kleinstanlage.

Seit 2002 - Anlage neuer Kieslaichplätze

Die während der 1980er Jahre angelegten Meerforellenlaichplätze waren im Laufe der Zeit zu großen Teilen wieder von Treibsand und Schlamm überdeckt worden und erfüllten die ihnen zugedachte Aufgabe in völlig unbefriedigendem Maße. Dies lag z. T. daran, dass die Laichplätze, wie im Rehrbach, in Gewässern angelegt wurden, die von einer extrem hohen Sandfracht und intensiver Gewässerunterhaltung geprägt waren. Zum anderen lagen - wie sich zeigte -  nur unzureichende Erfahrungen über die Bauweise, Dimensionierung, Materialwahl und Menge des einzubringenden Kieses vor.

    Von uns wieder hergestellte Kieslaichplätze, z. B. in der Fintau und der Ruschwede

Nach kritischer Prüfung der bisherigen Bauweise sowie intensiver Beratung mit anderen Wiederansiedlungsprojekten und Wasserbauexperten wurde im Herbst 2002 mit dem Bau neuer Laichplätze an der Fintau begonnen. Ihnen folgten in den Jahren 2003 bis heute weitere Laichplätze, die vor allem in der Ruschwede und der Fintau angelegt wurden. Die Bauweise der jetzt hergestellten Laichplätze unterschied sich von den ersten Kiesbänken vor allem darin, dass nun erheblich größere Kiesmengen sowie breitere Körnungslinien verwendet wurden, die sowohl Fein-, Mittel- und Grobkiese wie auch einzelne gößere Steine beinhalteten. Außerdem wurden die Standorte der Laichplätze sorgfältiger geprüft und nur Bachabschnitte mit einem möglichst hohem Gefälle ausgewählt. Mit dem Unterhaltungsverband Obere Wümme konnte glücklicher Weise eine Vereinbarung zum Schutz der Kieslaichplätze getroffen werden.

Mit Start des Vorhabens "Projektteams vor Ort" wird die Anlage von Kieslaichplätzen in Fintau, Ruschwede und Lünzener Bruchbach seit Herbst 2008 weiter forciert.

2004-2006- Wissenschaftliche Untersuchung der Kieslaichplätze

Die modifizierte Bauweise führte schon bald nach der Anlage der Laichplätze zu erfreulichen Ergebnissen. Die laichbereiten Meerforellen finden sich in jedem Winterhalbjahr in großer Zahl auf den Kiesbänken ein und schlagen hier ihre Laichgruben in den kiesigen Gewässergrund. Im Sommer 2004 und 2005 konnte erstmals nachgewiesen werden, dass die Fortpflanzung der Meerforellen auf den Kiesbänken zumindest teilweise erfolgreich verlaufen ist. Im Rahmen mehrerer Kontrollbefischungen konnten hier zahlreiche kleine Brütlinge gefunden werden. Da in den Bereichen der neu angelegten Kiesbänke großräumig auf künstlichen Besatz verzichtet wurde, kann mit Sicherheit darauf ge-schlossen werden, dass diese Fische aus natürlicher Reproduktion stammen. Die absoluten Reproduktionsraten blieben jedoch hinter den Erwartungen zurück. Teile der Kiesbetten wurden während der Brutperiode von Sanden überdeckt, was zum Absterben vieler Meerforelleneier führte.


Um mehr über den Reproduktionserfolg der laichenden Meerforellen zu erfahren und die vermuteten Beeinträchtigungsfaktoren für die Meerforellenbrut wissenschaftlich zu dokumentieren, konnten wir den Diplom-Geographen Jochen Dirksmeyer vom Geographischen Institut der Uni Köln gewinnen, der im Rahmen einer Promotion von 2004 bis 2006 diverse Großsalmoniden-Laichplätze in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen untersuchte. Zu den untersuchten Laichplätzen zählten auch die von uns zuvor in der Fintau und Ruschwede angelegten Kiesbänke.

    J. Dirksmeyer (Uni Köln) bei der Gewinnung von Gefrierkernen auf den Kieslaichplätzen in der Ruschwede bei Fintel

Die  Messergebnisse von DIRKSMEYER bestätigten unsere Vermutung, dass das Kieslückensystem von Fintau und Ruschwede in erheblichem Maße von Sand- und Schlammeinträgen und der dadurch induzierten Sauerstoffzehrung beeinträchtigt ist. Demzufolge war die Mortalitätsrate der Meerforellenbrut vor allem in tieferen Sedimentschichten allgemein sehr hoch. Trotzdem konnte anhand von Jungfischfängen im darauf folgenden Frühjahr die grundsätzliche Eignung der Kiesbänke als Laichhabitat für Meerforellen bestätigt werden.

Ab 2004 - Weitere Professionalisierung der Aufklärungs- und Öffenlichkeitsarbeit

Verbesserte Zusammenarbeit mit Unterhaltungsverband, Flächenanliegern und anderen Verbänden - Das in den Anfangsjahren vielfach von gegenseitigem Misstrauen und Unverständnis geprägte Verhältnis zu den Trägern der Gewässerunterhaltung, aber auch zu anderen Naturschutzverbänden hat sich mittlerweile deutlich verbessert. Durch intensive Aufklärungsarbeit und Einbeziehung von Unterhaltungsverband, unterer Wasserbehörde und Flächenanliegern konnte die Akzeptanz der geplanten Renaturierungsmaßnahmen entscheidend verbessert werden. Im Rahmen der AG der Naturschutzverbände konnten wir vielfach Vorurteile gegenüber der Angelfischerei und den damit verbundenen Artenschutzmaßnahmen abbauen.

Die im Rahmen des Wiederansiedlungsprojektes betriebene, meist diplomatische „Politik der kleinen Schritte“ hat so an vielen Gewässerabschnitten zu entscheidenden Verbesserungen der ökologischen Situation und zur Erhöhung der gewässertypischen Artenvielfalt geführt. Dennoch bleibt das Ziel bestehen, die an zahlreichen Bächen und Gräben immer noch intensiv betriebene Gewässerunterhaltung schrittweise zurückzuführen und die Ausweisung von Gewässerrandstreifen zu forcieren.

Verstärkte Öffentlichkeitsarbeit - Bei vielen Gesprächen, die im Laufe der Jahre mit anderen Anglern, Naturschützern, Behördenvertretern, Unterhaltungsverbänden, Politikern und interessierten Bürgern geführt wurden, konnten oftmals große Wissensdefizite über gewässerökologische Zusammenhänge und allgemeine (Fisch-)Artenkenntnisse angetroffen werden. Da aber nur Wissen über die Natur zu ihrem Schutz führen kann, wurde in den letzten Jahren die Öffentlichkeitsarbeit stetig ausgeweitet. 

    Wesentliche Bausteine unseres heutigen Projektes: Exkursionen und Öffentlichkeitsarbeit

Im Rahmen einer Tagung der „Arbeitsgemeinschaft Fischarten- und Gewässerschutz Norddeutschland (AFGN)“, bei anderen Naturschutz-Seminaren sowie in mehreren Fernsehberichten des NDR und des ZDF wurden in den letzten Jahren einem großen (Fach-)Publikum die von den Angelvereinen durchgeführten Renaturierungsmaßnahmen an der Fintau und Ruschwede vorgestellt.

Auch in der Fachpresse (BLINKER, FLIEGENFISCHEN, AFZ-FISCHWAID u. a.) und der Lokalpresse sind wir regelmäßig mit umfangreichen Artikeln verteten.

Die Stiftung Naturschutz im Landkreis Rotenburg (W.) hat uns 2006 zudem die Möglichkeit gegeben, unsere Arbeit im Rahmen ihrer Naturkundlichen Schriftenreihe ausführlich darzustellen.

In regelmäßigen Abständen werden auch Schulklassen, Kindergärten, politische Parteien, Behördenvertreter und Naturschutzgruppen in die Brutanlage eingeladen und dort über das Wiederansiedlungsprojekt und die damit verbundenen Themengebiete informiert. Außerdem haben wir in den letzten Jahren zahlreiche Exkursionen an Fintau und Ruschwede mit Vertretern aus Naturschutz, Unterhaltungsverbänden, Wasserwirtschaft und Politik durchgeführt. Auch bei Fachseminaren der Norddeutschen Naturschutzakademie leiten wir regelmäßig Exkursionen, auf denen wir unser Projekt den Teilnehmern vorstellen, die oft aus der ganzen Bundesrepubklik anreisen.

   Wissenvermittlung und Diskussion über naturnahe Bäche - am besten direkt am Gewässer !

Umweltpädagogik - Seit 2004 beteiligt sich der Angelverein Lauenbrück darüber hinaus mit eigenen Themen am jährlichen Projekttag „Lernort Natur“, der in Zusammenarbeit mit der örtlichen Jägerschaft sowie den Grundschulen in Fintel und Lauenbrück durchgeführt wird. Im Dezember 2004 und 2005 fand wiederholt ein Tag der offenen Tür an der Brutanlage in Lauenbrück statt, der von zahlreichen interessierten Bürgern besucht wurde. Seit 2006 sind der Kindergarten Lauenbrück und die Eichenschule Scheeßel  regelmäßig zu Besuch in der Meerforellenbrutanlage und nehmen am Elektrofischen auf laichreife Meerforellen teil. Seit 2007 werden auch Schüler der Fintauschule Lauenbrück (Projekt "Das fließende Klassenzimmer") und seit 2008 auch Schüler der Grundschulen Fintel und Lünzen ("Projektteams vor Ort") auf regelmäßigen Veranstaltungen mit Fragen der Gewässerökologie und des Fischartenschutzes praxisnah vertraut gemacht.

   Unsere beste Zukunftsinvestition: Kindern und Schülern praxisnah die Vielfalt unserer Gewässer & Fischfauna zeigen !

2005 - Gewinn des Naturschutzpreises Mensch und Natur (muna)

Als Anerkennung  unserer langjährigen Bemühungen für Lachs, Meerforelle und naturnahe Fließgewässer wurden wir im Oktober 2005 schließlich mit dem bundesweit ausgeschrieben Naturschutzpreis "Mensch und Natur" der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) und des ZDF ausgezeichnet - als erste Angelvereine überhaupt ! Dieser Preis verschaffte uns auch überregional die Möglichkeit, für unsere Ziele und Aufgaben zu werben.

     Gewinn des Naturschutz-Preises muna der Deutschen Bundesstiftung Umwelt im Jahr 2005

Ab 2005 - Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie wird konkret

Im Zuge der EG-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) werden auch im Wümmegebiet wasserbehördliche Planungen erstellt und Weichenstellungen für naturnähere Bäche gelegt. Der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) - Betriebstelle Verden beteiligt uns im Rahmen des Modellprojektes Wümme an zahlreichen Vorplanungen. Mit Unterstützung des NLWKN konnten wir über die Gebietskooperation Wümme das Bewußtsein für drängende Probleme im Wümmegebiet, wie Wasserkraft, ökologische Durchgängigkeit und unnatürlich hohe Sandfrachten in den Diskussionsprozess verstärkt einbringen. Ein Ergebnis unserer Arbeit  ist z. B. die Erstellung einer Machbarkeitsstudie zur Wiederherstellung der ökologischen Durchgängigkeit an der Scheeßeler Mühle durch das NLWKN Verden.

Auf unseren Vorschlag hin wurde aus Mitteln des WRRL-Modellprojektes Wümme auch der Fintaualtarm in Lauenbrück im Frühjahr 2008 wieder reaktiviert, naturnah gestaltet und mit Kiesbetten versehen. Weitere Kieslaichplätze in Fintau, Ruschwede, Veerse und Lünzener Bruchbach wurden über die Gebietskooperation bzw. über das Modellprojekt Wümme seit 2006 finanziell gefördert und von uns angelegt.

   Die Wasserrahmenrichtlinie bringt zahlreiche positive Impulse für die Gewässerrenaturierung und fördert die, Kommunikation mit anderen Akteuren am Gewässer (Ein Beispiel: Die Reaktivierung des Fintau-Altarmes 2008)

Ausblick und Fazit

Das Wiedereinbürgerungs-Programm für Lachs und Meerforelle kann  nach nunmehr 29 Jahren auf beachtliche Erfolge und Leistungen zurückblicken. Jährlich steigen inzwischen ca. 400-500 Meerforellen zum Laichen in die Wümme, Fintau und Ruschwede auf. Vieles deutet darauf hin, dass sich die Population auf einem hohen Niveau zunehmend etabliert. Mit unserer Brutanlage können wir den Bestand im oberen Wümmegebiet ausreichend stützen und zudem andere Wiederansiedlungs-projekte mit weiteren Initialbesatz beliefern. Auch die Anlage der Kieslaichplätze zeigt gute Erfolge, auf die wir in den nächsten Jahren aufbauen werden. Mit unser verstärkten Öffentlichkeitsarbeit erreichen wir zunehmend auch Kreise außerhalb der Anglerschaft und schaffen ein breiter werdendes Bewußtsein für die Notwendigkeit des Lachs- und Meerforellenschutzes.

Trotzdem ist noch viel zu tun: Die Lösung drängender Probleme, wie Sandfracht, Wasserkraft, die Strukturarmut vieler Gewässerstrecken sowie die unbefriedigende Zahl der Lachs-Rückkehrer steht auch in den kommenden Jahren an und wird viel Zeit und (ehrenamtliche!) Arbeit in Anpruch nehmen.

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Presseartikel zum Wiederansiedlungsprojekt von 1979 bis heute finden Sie hier.