Die Wümme – ein alter Meerforellen- und Lachsfluss !

Leider ist es heute  schon fast vergessen, dass das norddeutsche Tiefland mit seinen zahlreichen Fluß- und Bachläufen zum natürlichen Verbreitungsgebiet von Meerforelle und Lachs  zählt. Deutschland liegt genau im Zentrum der ursprünglichen europäischen Meerforellen- und Lachspopulationen und hatte z. B. mit der Weser bis Ende des 19. Jahrhunderts einen der ertragreichsten Lachsflüsse Mitteleuropas.

Als die Lachs-Bestände schon deutlich zurückgingen, wurden in der Weser bei Hameln im Jahre 1894 noch über 10.000 Lachse mit einem Gewicht von über 70 Tonnen gefangen! (ARGE WESER 1996, VDSF 2003).  Historische Quellen belegen auch für das Wümmegebiet  das Vorkommen von Lachsen und Meerforellen. So berichtet KÖNKEN (1932): „In den Zuflüssen der Weser unterhalb von Bremen stiegen, soweit sie nicht durch Siele und Schleusen   abgeschlossen waren, früher überall Lachse auf, so in der WÜMME …“ Und WITTMACK (1875) erwähnt die Meerforelle als „in der Wümme oberhalb von Rotenburg vorkommend“.

Weitere historische Hinweise auf Lachs- und Meerforellenvorkommen in der Wümme finden sich z. B. bei HÄPCKE (1880), DEIKE (1909) sowie v. d. BORNE (1882). Wie aus diesen Berichten hervorgeht, war der Lachs im Wümmegebiet allgemein aber seltener vertreten als die eng mit ihm verwandte Meerforelle. Möglichweise sind die beiden Arten aufgrund ihrer großen Ähnlichkeit von den Fischern auch nicht immer genau unterschieden worden (vgl. BRUMUND-RÜTHER 2003).

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Warum starben Meerforelle und Lachs in der Wümme aus?

Natürliche und unberührte Bäche gibt es im Wümmegebiet schon lange nicht mehr. Kulturtechnische und wasserbauliche Maßnahmen prägen und beeinträchtigen  seit Jahrhunderten die Gestalt der Fließgewässer. Vor allem die Anlage von Stauwehren, der naturferne Ausbau  der Bäche und die drastisch gestiegen Sandfracht führten seit dem Ende des 19. Jahrhunderts  zum Verschwinden der Großsalmoniden.

Erste gravierende Veränderungen erfolgten im Wümmegebiet bereits im 11./12. Jahrhundert. Im Zuge der hochmittelalterlichen Kultivierungen wurden die Erlenbruchwälder der Bachauen großflächig gerodet, um Wiesen und Weiden zu schaffen. Dies führte streckenweise zur Verdrängung der Schwarzerle, die die Bäche zuvor vollständig beschattete, reichlich Totholz abwarf, mit ihren Wurzeln Ufer und Bachsohle wirkungsvoll befestigte und damit für zahlreiche Tierarten eine große Bedeutung hatte.

Die großflächigen Waldzerstörungen und die massive Ausbreitung der Heide führten im Laufe des Mittelalters und der frühen Neuzeit zu stärkeren Grund- und Oberflächenabflüssen. Hochwasserereignisse verschärften sich, was zu einer erhöhten hydraulischen Belastung und Eintiefung der Bachbetten führte (HÜBNER 1998, SEEDORF&MEYER 1992). Bis zu den Agrarreformen des 19. Jahrhunderts waren die Bäche im Wümmegebiet aber dennoch in einem weitgehend naturnahen Zustand. Die direkten wasserbaulichen Eingriffe blieben auf kleine Teilstrecken beschränkt und tasteten den vielfach noch struktur- und kiesreichen Grund der Bäche nicht an.

Mit Einführung der sog. Rieselwiesenwirtschaft wurden ab 1830 im Landkreis Rotenburg unzählige kleine Kulturwehre gebaut (SEEDORF&MEYER 1992), die zu einer enormen Zerstückelung der Bäche beitrugen. So wurde die Veerse Ende des 19. Jahrhunderts allein in der Gemarkung Westervesede durch 52 (!) solcher Stauwehre zerstückelt (PREUSSISCHES WASSERBUCH DER VEERSE). Durch die Stauwehre wurde das natürliche Abflussgeschehen massiv beeinträchtigt. Die abschnittsweise Verschlammung der Gewässersohlen nahm zu, gleichzeitig nahm die Vielfalt an Sohlstrukturen (insb. die flach überströmten Kiesstrecken) erheblich ab.

Gravierend wirkte sich auch der spätere Bau zahlreicher weiterer Staustufen aus, der die Wanderbewegungen der Fische behinderte, so dass die für die Fortpflanzung wichtigen Bachoberläufe mit ihren kiesigen Laichplätzen nicht mehr erreicht werden konnten. HÄPCKE nennt bereits 1878 als Ursachen des Rückganges von Lachs und Meerforelle die zahlreichen Mühlenanlagen, die die Laichwanderungen verhindern sowie die Aalrosten und Aalfänge, in denen laut HÄPCKE die Jungfische bei ihrer Wanderung ins Meer häufig als Beifang verenden. Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts wurden die alten Schaufelräder vieler Wassermühlen durch Wasserkraft-Turbinen ersetzt, wie z. B. 1884 an der Wümme in Scheeßel (WASSERBUCH DER WÜMME).

   Wanderhindernisse für Meerforelle  & Co: Das alte, inzwischen zur Sohlgleite umgebaute  Fintauwehr in Lauenbrück und das Veersewehr an der Lünzener Mühle 

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte in der Wümme wie in fast allen Flüssen Deutschlands ein dramatischer Niedergang der Lachs- und Meerforellenbestände ein, für den neben der steigenden Belastung mit kommunalen und industriellen Abwässern hauptsächlich die oben beschriebene zunehmende wasserbauliche Regulierung der Flussläufe verantwortlich war. Begradigungen, Uferverbauungen und Gewässerunterhaltungsmaßnahmen wirkten sich vor allem im Laufe des 20. Jahrhunderts nachteilig auf die für eine erfolgreiche Reproduktion notwendigen Gewässerstrukturen aus.

So wurde z. B. die Fintau in den Jahren 1955/56 auf einer Strecke von sechs Kilometern vollständig als Vorfluter ausgebaut, um die landeskulturellen und wasserwirtschaftlichen Bedingungen der zuvor unter Staunässe leidenden Fintauniederung zu verbessern. Von der Ruschwede-Mündung bei Vahlde bis zur Einmündung in die Wümme wurde die Bachsohle von ehemals 3 bis 4 m auf durchschnittlich 5,30 m verbreitert. Gleichzeitig wurde der gesamte Bach ausgebaggert, erheblich vertieft und mit einem technischen Regelprofil versehen (WAHLERS 1958).

    Zur Verbesserung der landeskulturellen Verhältnisse wurde die Fintau zwischen Vahlde und Lauenbrück 1955/56 ausgebaut und begradigt (Fotos: WBV Hammoor).

Ähnlich wie der Fintau erging es zahllosen anderen Bächen im oberen Wümmegebiet, die auf weiten Strecken ihres vormals naturnahen und strukturreichen Gewässerbettes beraubt wurden. So wurde z. B. der zuvor wegen seines stark mäandrierenden Verlaufes mundartlich als „Kröpelbach“ bezeichnete Lünzener Bruchbach durch den Ausbau im Jahre 1961-62 zu einem trostlosen, völlig begradigten Kanal. Zur Abflussregulation und Sohlstabilisierung  wurden zahlreiche Stauwehre angelegt, die zum Aufstau der Baches führten und z. T. bis heute Fischwanderungen beeinträchtigen.

Ende der 1970er / Anfang der 1980er-Jahre mehrten sich überall die Stimmen, die den dramatischen Verlust naturnaher Fließgewässer durch Ausbau & Begradigung beklagten (siehe z. B. SPIEGEL-Online vom 28.9.1981).

     Sohlabstürze  im Lünzener Bruchbach bei Westervesede und der Fintau bei Lauenbrück =  Wanderhindernisse für Klein- und Jungfische

Eine besonders gravierende Folge des Gewässerausbaus war die fast vollständige Beseitigung der kies- und geröllhaltigen Bachsohlen. Somit gingen fast überall die existenziell notwendigen Laichplätze zahlreicher Fischarten, der sog. Kieslaicher, verloren, zu denen auch Lachs und Meerforelle zählen. Durch Ausbau des Entwässerungsnetzes und Zunahme des Hackfruchtanbaus (v. a. Kartoffeln, Mais) wird zudem seit den Verkopplungen des 19. Jahrhundert in unnatürlich hohem Maße Sand in die Vorfluter und Bäche gespült, der die kiesigen Laichhabitate von Lachs und Meerforelle dauerhaft überdeckt und eine erfolgreiche Fortpflanzung unmöglich macht(ARGE Weser 1996; HÜBNER 1996).

Im Zuge der Wümmeregulierungen wurden dann ab 1903, 1919 und in den 1970er Jahren vor allem im Mittel- und Unterlauf des Flusses unüberwindbare Wanderhindernisse in Form hoher Staue und Kulturwehre geschaffen (KUNSTVEREIN FISCHERHUDE 2005: 195, 206 f., SEEDORF 1989: 92).

    Ausbau der Wümme bei Fischerhude um 1926-27              Stauwehr an der Wümme bei Unterstedt

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Das Ende der Meerforellen-/Lachspopulation in der Wümme

Alle diese Eingriffe in die Fließgewässer führten dazu, dass die Bestände von Lachs, Meerforelle und anderer Wanderfischarten Ende des 19. Jahrhunderts im gesamten Einzugsgebiet der Weser zusammenbrachen. Auch im Wümmegebiet war der Lachs nach HÄPCKE um 1878 bereits sehr selten“.

Um 1925 wurden vermutlich die letzten Lachse und Meerforellen im Unterlauf der Wümme bei Fischerhude gefangen(ENGEL 1925). Seitdem sind diese seit dem Ende der letzten Eiszeit bestehenden Populationen mit ihrem einzigartigen genetischen Material erloschen! Mit Ihnen verschwanden im Laufe des 20. Jahrhunderts vielerorts auch unzählige andere Tierarten, die auf naturnahe und vielfältige Bäche angewiesen sind, wie z. B. der Fischotter, die Wasseramsel oder der Schwarzstorch.

          Der vermutlich letzte Lachs, der um 1925 in der Wümme bei Fischerhude gefangen wurde (Foto: Kurt Brammer, Fischereiverein Fischerhude-Quelkhorn)

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Der Fang eines Lachses  in der Wümme war 1925 schon so bemerkenswert, dass die Fischereizeitung davon berichtete. Schon damals wurden die Notwendigkeiten und Probleme erkannt, die bei der Wiederansiedlung des Lachses auftreten - den Zeitungs-Artikel von 1925 finden Sie hier.